Das Schneeglöckchen

Schneeglöckchen, Bild: Pixabay

Ein Märchen von Hans Christian Andersen (1805-1875) [mehr…]

Es war Winterszeit, die Luft kalt, der Wind scharf, aber hinter Tür und Riegel war es warm und gemütlich. Die lag gut geschützt in ihrer Zwiebel unter Erde und Schnee.
Eines Tages fiel Regen. Die Tropfen drangen durch die Schneedecke in die Erde hinab, berührten die Blumenzwiebel, sprachen von der lichten Welt oberhalb; bald drang der Sonnenstrahl fein und bohrend durch den Schnee zu der Zwiebel, und es kribbelte in ihr.

"Herein!" sagte die Blume.
"Ich kann nicht!" sagte der Sonnenstrahl, "Ich bin noch nicht stark genug, um aufzuschließen! Wenn es Frühling wird, werde ich stärker sein!"
"Wann ist es Frühling?" fragte die Blume und wiederholte diese Frage jedes mal, wenn ein neuer Sonnenstrahl hinab drang. Aber der Frühling war noch weit weg. Es lag noch Schnee und der See fror jede nacht zu.

"Wie lange das dauert! Wie lange das dauert!" seufzte die Blume. "Ich fühle ein Kribbeln und Krabbeln, ich muss mich recken, ich muss mich strecken, ich muss aufschließen, ich muss hinaus und muss dem Frühling "Hallo" sagen. Das wird eine schöne Zeit!"

Und die Blume begann sich gegen die dünne Zwiebelschale zu recken und strecken. Sie schoss unter dem Schnee hervor,  mit einer weißgrüner Knospe auf grünem Stängel, mit schmalen, dicken Blättern, die sie schützen wollten. Der Schnee war kalt, aber die Sonnenstrahlen waren nun viel wärmer. 

"Willkommen! Willkommen!" sang und klang jeder Strahl und die Blume hob sich über den Schnee hinaus in die Lichtwelt. Die Sonnenstrahlen streichelten und küssten sie, dass sie sich ganz öffnete, weiß wie der Schnee und geschmückt mit grünen Streifen. Sie beugte ihren Kopf in Freude und Demut.

"Wunderschöne Blume!", sangen die Sonnenstrahlen. "Wie bist Du frisch und zart! Du bist die Erste! Du bist die Einzige! Du bist unsere Liebe! Du läutest Sommer, schönen Sommer über Land und Stadt. All' der Schnee wird schmelzen! Die kalten Winde werden hinweggejagt! Wir werden herrschen! Alles wird grünen! Und dann wirst Du Gesellschaft haben, Flieder, Goldregen und Rosen, aber Du bist die Erste, so fein, so zart!"

Das war ein großes Vergnügen. Es war, als singe und klinge die Luft, als drängen die Strahlen des Lichts in die Blätter und den Stängel der Blume; da stand sie so fein und so leicht zu brechen und doch so kräftig in junger Schönheit; sie stand in weißem Kleide mit grünen Bändern da, sie machte Sommer. Aber es war noch weit bis zur Sommerszeit. Wolken verdeckten die Sonne, scharfe Winde bliesen.

"Du bist zu früh gekommen!", sagten Wind und Wetter. "Wir haben noch die Gewalt, und Du sollst sie empfinden und Dich darein fügen! Du hättest hübsch zu Hause bleiben, nicht herauslaufen sollen und Staat machen, die Zeit dazu ist noch nicht da!"

Es war eine schneidende Kälte! Die Tage, die da kamen, brachten nicht einen Sonnenstrahl! Es war ein Wetter zum Entzweifrieren für so eine kleine Blume. Aber sie besaß mehr Kraft als sie selbst wusste; sie war stark in Freude und im Glauben an den Sommer, der kommen musste, der ihr in ihrem tiefen Sehnen verkündet und von dem warmen Sonnenlichte bestätigt worden war, und so blieb sie denn auch mit Zuversicht in ihrer weißen Tracht im weißen Schnee stehen, ihren Kopf beugend, selbst während die Schneeflocken dicht und schwer herabfielen und die eisigen Winde, über sie dahinfuhren.

"Du wirst brechen!", sagten sie, "Verwelken, verwelken! Was wolltest Du draußen? Weshalb ließest Du Dich verlocken, der Sonnenstrahl hat Dich gefoppt! Jetzt hast Du es darnach, Du Sommernärrin!"

"Sommernärrin!" wiederholte sie in kalter Morgenstunde.

"Sommernärrin!", jubelten einige Kinder, die in den Garten kamen, "Da steht eine, wie schön, wie schön, die Erste, die Einzige!"

Diese Worte taten der Blume so gut, es waren Worte wie warme Sonnenstrahlen. Die Blume spürte in ihrer Freude nicht einmal, dass man sie brach; sie lag in Kindeshand, wurde von Kindesmund geküsst, in die warme Stube getragen, von sanften Augen beschaut, in's Wasser gesteckt, wie stärkend, wie belebend! Die Blume glaubte, sie sei plötzlich tief in den Sommer hineingeraten.

Die Tochter des Hauses, ein schönes Mädchen, war konfirmiert, sie hatte einen Freund, der war auch konfirmiert und er lernte für das Examen. Das Mädchen nahm die Blume, wickelte sie in ein Stückchen duftendes Papier, worauf Verse geschrieben standen. Das Mädchen steckte die Verse mit der Blume in einen Briefumschlag. Es war finster um sie herum, so finster wie damals, als sie in der Zwiebel lag. Die Blume ging auf die Reise, lag in der Posttasche, wurde eingeklemmt und gedrückt, was gar nicht angenehm war; aber das ging vorüber.

Die Reise war vorüber, der Brief wurde von dem Freund geöffnet und gelesen, wie vergnügt war er. Er küsste die Blume und sie wurde mit den Versen, in einen Kasten gelegt, in dem mehrere schöne Briefe, aber alle ohne Blume lagen; sie war die Erste, die Einzige, wie die Sonnenstrahlen sie genannt hatten, und darüber nachzudenken war ein Vergnügen.

Man ließ ihr auch Zeit darüber nachzudenken, sie dachte während der Frühling und der Sommer verstrichen und auch der lange Winter schwand und es wurde wieder Frühling, als sie aufs Neue zum Vorschein kam. Aber nun war der junge Mann durchaus nicht erfreut, er fasste die Briefe sehr unsanft an und warf den Vers fort, so dass die Blume auf den Fußboden fiel. Hier lag sie jedoch besser als im Feuer, denn dort gingen die Verse und Briefe in Flammen auf. Was war nur geschehen? Was so oft geschieht. Die Blume hatte ihn genarrt, die Jungfrau hatte ihn genarrt, sie hatte sich einen neuen Freund auserkoren.

Am nächsten Tag schien die Morgensonne auf das kleine, flachgedrückte Schneeglöckchen, das so aussah, als sei es auf den Fußboden hingemalt. Das Dienstmädchen hob es auf, legte es in eines der Bücher hinein, die auf dem Tisch lagen, weil sie dachte, es müsse beim Aufräumen herausgefallen sein.

Es vergingen Jahre, das Buch stand auf dem Bücherbrett: dann wurde es wieder in die Hand genommen, man schlug es auf und las darin. Es war ein Buch des Dichters Ambrosius Stub mit schönen Versen und Liedern. Der Mann, der in dem Buch las, blätterte um. "Da liegt ja ein Schneeglöckchen!", sagte er. "Das wird wohl mit Bedacht hier hineingelegt worden sein. Armer Ambrosius Stub! Er war auch ein Narr, ein Dichternarr! Er kam seiner Zeit zu früh und deshalb musste auch er die scharfen Winde spüren. Bleib du als Zeichen in diesem Buch liegen, du kleines Schneeglöckchen, du bist mit Bedacht hineingelegt worden."

Und das Schneeglöckchen wurde wieder in das Buch gelegt, es fühlte sich geehrt, dass es ein Zeichen war. Die Blume verstand das in ihrer Weise, wie wir ja auch jedes Ding in unserer Weise deuten.

 

Bildnachweis:
Bild von Sunflair auf Pixabay, Public Domain-ähnlich

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